Die Wahrheit liegt nicht im Verfahren. Aber es beruhigt.
Fiktiv. Satirisch.Keine Behörde. Keine Meldestelle. Keine Schonung für schlechte Einordnung.
Rubrik
Endlich sagt’s mal einer!
Texte über das Land, das jeden Morgen neu eingeordnet werden muss.
Leitartikel
Das Labor der nachträglichen Wahrheit
Seit heute gilt in einigen Redaktionen wieder: Wer früh genug geraten hat, darf später so tun, als habe er damals schon den Obduktionsbericht gelesen. Die SBD hat den Vorgang an die Abteilung Rückwirkende Gewissheit übergeben.
Man kann natürlich weiterhin behaupten, eine alte Vermutung sei Jahre später einfach nur bestätigt worden. Man kann aber auch die deutlich sauberere Möglichkeit prüfen: dass die Wahrheit vorsorglich an dem Ort abgelegt wurde, an dem man sie später finden wollte.\n\nNach kurzer Rücksprache mit dem Referat für nachträgliche Trefferkunde erscheint uns folgendes Szenario keineswegs ausgeschlossen: Alternative und konservative Wahrheitsproduzenten haben das Virus nicht erfunden. Das wäre viel zu viel Arbeit gewesen. Sie haben nur rechtzeitig einen freien Laborplatz reserviert, ein paar Zweifel in Petrischalen gelegt und dann gewartet, bis die Welt endlich in die richtige Richtung hustet.\n\nBesonders beeindruckend ist die Opferbereitschaft. Jahrelang musste man so tun, als werde man verlacht, unterdrückt und von Fakten gestört. Dabei arbeitete im Hintergrund vermutlich längst ein kleiner Bereitschaftsdienst daran, die Wirklichkeit passend nachzuschrauben. Am Ende stand dann nicht die Wahrheit im Raum, sondern ein sauber etikettiertes Rechtbehalten mit Kühlkette.\n\nBleibt die Frage, ob man künftig noch Nachrichten braucht. Vielleicht reicht ein Lagerhaus für spätere Bestätigungen. Regal A: Migration. Regal B: Klima. Regal C: Alles, was man 2020 schon immer wusste, aber leider erst 2026 ordentlich verpacken konnte.
Wieder hat sich ein mutiger Kommentator vor laufender Kamera getraut, genau das zu sagen, was sein Publikum schon vor dem Einschalten bestellt hatte. Die Lage gilt als stabil.
Komplizierte Sachverhalte gelten ab sofort als Zumutung für den aufrechten Zuschauer. Die SBD prüft ein vereinfachtes Weltmodell mit nur noch zwei Schubladen und einem roten Knopf.
Neue Untersuchungen zeigen: Ein Satz muss nicht stimmen, wenn er nur von genügend Leuten gleichzeitig gut gefunden wird. Die alte Beweisaufnahme kann damit deutlich verkleinert werden.
In mehreren Fällen wurde beobachtet, dass die Pointe den Befund bereits vor dessen Eintreffen vollständig aufgefressen hatte. Die Spurensicherung fand nur noch einen Halbsatz.
Der Ausnahmezustand hat sich als erstaunlich wohnlich erwiesen. Einige Formate haben bereits Vorhänge angebracht und bitten darum, die Krise nicht vor Ende der Staffel zu beenden.
Die SBD prüft den Vorschlag, Grenzen zunächst im Kopf zu errichten. Dort stehen sie wettergeschützt, brauchen keinen Bebauungsplan und können täglich erweitert werden.
Gerichte arbeiten offenbar noch immer mit Paragrafen, obwohl große Teile der Öffentlichkeit längst auf Ergebnisbestellung umgestellt haben. Das sorgt für Unmut.
Die Klimadebatte leidet darunter, dass sie immer wieder mit Klima belästigt wird. Viele Kommentatoren wären mit einer reinen Charakterprüfung deutlich schneller fertig.